Der Schauspieler Torsten Stoll in Haslach: Trotz Schauspiel-Ausbildung in der Soap-Schublade gelandet

"Ich bin das älteste Milchgesicht"

Die Fans von Vorabend-serien kennen die zwei Seiten des Torsten Stoll. Mal ist er der biedere Familienvater Frank Richter in der Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Und dann wieder tritt er als Sebastian auf, der bei "Verbotene Liebe" mit seinen Intrigen für viel Ärger sorgt.
Sebastian ist "ein Arschloch vor dem Herrn", so Stoll über seine Rolle. Und was für ein Mensch ist Torsten Stoll selbst? "Die Bösen sind mir lieber", bekennt er.
Geboren wurde er in Teterow in Mecklenburg. Der gelernte Schlosser entschied sich später für ein Schauspiel-, Gesangs­und Tanzstudium. Und saß ein Jahr lang im DDR-Knast - wegen Republikilucht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat.
Trotz Musical-Ausbildung und Theater-Erfahrung wird Torsten Stoll gerne in die Schublade "halbtalentierter Serien­Milchbubi" gepresst. "Ich bin mit 36 Jahren eben das älteste Milchgesicht", lächelt er süßsauer. Er lebt in Berlin, liebt italinische Küche, seine Zahncreme ist weiß ünd ohne Streifen und bei Stromausfall würde er den ganzen Tag Im Bett bleiben. PROMPT traf den sympatischen Schauspieler nach einer Autogrammstunde in Haslach. Er war zu Gast bei Stefan Hättich, der Stolls Homepage auf Vordermann brachte.

Warum spielst du lieber Bösewichte als nette Leute?
Torsten Stoll: Die Guten haben nur ein Gesicht Die Bösen haben zwei Gesichter, ein liebes und ein böses, damit sie die Menschen hinters Licht führen können. Bösewichter sind für Schauspieler allgemein interessanter, ebenso gebrochene Persönliönkeiten. Die ganz normalen Wahusinnigkeiten des Lebens eben.

Warum wolltest du Schauspieler werden?
STOLL: Wenn ich das selbst wüsste... Ich wollte studieren, aber nichts Theoretisches. Schauspielerei lag mir nicht, aber Tanzen machte mir Spaß. Ich dachte mir, "toll, so ein bisschen "rumhüpfen" und habe mich für eine Gesangs-, Schauspiel- und Tanzausbildung entschieden.

Gab es ein Vorbild?
STOLL: Ja, den Film "Fame­Der Weg zum Ruhm". Da gibt es Leeroy Leeroy kam aus der Bronx, war schwarz wie eine Kaffeebohne und rotzfrech. So wollte ich sein. Das war Anfang der 80er.

Du hast die Schauspielerei professionell gelernt. Hast du trotzdem Probleme mit dem Seifenopernimage?
STOLL: Schauspiel-Ausbildungen sind keine Ausnahme bei Serien. Die Leute über 25 Jahren haben das zumindest bei "Verbotene Liebe" zu 95 Prozent. Die Jung-Stars in der Serie waren einfach zu jung dazu. Oft sind Leute mit dabei, die über 20 Jahre Theater-Erfahrung verfügen. Ich habe aber die größten Probleme, Rollen zu bekommen wegen der Vorurteile gegen Serien-Schauspieler. Schublade Milchgesichter auf, rein, Schublade zu. Mich ärgert es, wenn Soaps mit Kino-Filmen verglichen werden. Das ist wie ein Vergleich zwischen einem Trabi und einer Weitraumrakete. Eine Soap wird 20mal so schnell ab gedreht wie ein Kinofilm und oft mit einem Budget, das bei einem Kinofllm gerade für einen Tag reicht.

Du hast bis 1996 vier Jahre Theater gespielt. Was ist beim Fernsehen anders?
STOLL: Auch das kann man nicht vergleichen. Theater ist die "Grundschule" für Schauspieler Man muss dort lernen, ohne Effekte auszukommen. Jeden Patzer sieht man. Man atmet vor der Aufführung tief ein und drei Stunden später wieder aus. Fernsehen ist deshalb aber nicht einfacher, weil man die Szenen wiederholen kann. Wenn nach der zehnten Aufnahme der Lichttechniker immer noch "Aus, wir haben da einen Schatten" ruft, dann verflucht man seinen Job.

Du hast "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und "Verbotene Liebe" verlassen. Was hast du jetzt vor?
STOLL: Noch nichts Konkretes. Ich habe im Dezember einen Drehtag fur einen Kinofilm. Sonst kann man alles über mich bei "www.stollart.de" erfahren.

Würdest du dich im Big­Brother-Container einsperren lassen?
STOLL: Nein, das wäre nichts für mich. Die Leute zeigen sich vor der Kamera so, wie sie sind. Ich mochte mich immer noch hinter einer Rolle verstecken können und sagen, "das ist nur Sebastian, das bin nicht ich".

Ärgert es dich, dass Zlatko und Co. berühmt werden, obwohl sie weder singen, noch tanzen, noch sonst etwas können?
STOLL: Nein. Diese Pseudo­Stars ärgern mich nicht. Die bleiben nur so lange, bis das nächste Brötchen gebacken ist.

Und Jauch und Co. reizen dich auch nicht?
STOLL: Nein, auf Quiz-Shows bin ich nicht scharf. Ich wäre da zu unbelesen. Ich bin Pragmatiker Was ich weiß, habe ich dadurch erlernt, dass ich es gemacht habe. Ich lese kein Buch über den Knast, sondern gehe selbst hinein. Ich muss gegen Wände rennen, um zu merken "Ach ja, da geht es doch nicht durch".

Hast du ein Lieblings­Reiseziel?
STOLL: Nein, ich möchte mal nach New York, das drängt mich aber nicht. Ich bin momentan ziemlich zufrieden.

Wohin würdest du mit einer Zeitmaschine reisen?
STOLL: In die 2Oer Jahre von Berlin. Ich möchte sehen, wie das damals aussah, was mich heute umgibt. Im Krieg wurde ja vieles zerstört.

Deine drei Mitbringsel auf eine einsame Insel?
STOLL: Laptop, Steckdose une Telefonleitung. Ich habe zwar keine Ahnung von Technik aber damit kann ich Stefan erreichen, damit er mich abholt. Stefan ist schnell, aktuell und hat Kontinuität. Das ist heute selten. Und er hat Ahnung von Technik.

Und was bleibt bei dem Insel-Besuch zu Hause?
STOLL: Arbeit, Stress und das Handy

Was macht dich bei anderen Menschen rasend?
STOLL: Frauen, die sich hinter einer Opferrolle verbergen, besonders, wenn sie im Hintergrund die Fäden ziehen. Da schmeiß ich mit Torten um mich. Da entwickle ich Ehrgeiz, liebevoll den wunden Punkt zu suchen. Mir sind Täter lieber als Opfer.

Ähnelt dieser Charakterzug deiner Rolle als Sebastian?
STOLL: Nein, Sebastian störte nichts. Ich denke, er war böse, weil er eine große Enttäuschung erlebte und misstrauisch war.

SABINE SCHWENDEMANN, Prompt, 16.11.2000